„Stumpf ist Trumpf“ im Social Web?

„Soziale Netzwerke – bald die fünfte Gewalt im Staat?“ fragt sich Antje Neubauer in ihrem gleichnamigen Artikel und postuliert einen schwindenden Einfluss der klassischen Medien auf die öffentliche Meinung.

Die Ursache dieser Entwicklung macht sie im Ende des traditionellen Sender-Empfänger-Verhältnisses zwischen Journalisten und Lesern aus: „Jeder kann, wenn er will, das Tagesgeschehen kommentieren, hinterfragen, persiflieren.“ Gleichzeitig – und scheinbar untrennbar damit verbunden – beobachtet sie eine starke Tendenz zur Polemisierung, zum „Stammtisch-Gehabe“ in den sozialen Medien: „Hier zählt, wer am lautesten und ausgiebigsten brüllt, wer polemisiert, wer Meinung macht.“

Hetze 2.0

Als Beispiel nennt Frau Neubauer ein Video, das Anfang April in den sozialen Netzwerken die Runde machte. In dem knapp eine Minute langen Film ist ein Handgemenge auf dem Dortmunder Hauptbahnhof zu sehen, bei dem ein junger Mann scheinbar grundlos vom Sicherheitsdienst der Deutschen Bahn AG angegriffen und zu Boden gedrückt wird.

Das Video wurde von Mitgliedern der Dortmunder rechten Szene mit der Überschrift „Ausländische Bahnsecurity schlägt jungen Dortmunder zusammen“ ins Netz gestellt und dient der Hetze gegen Bürger mit Migrationshintergrund. Was das Video freilich nicht zeigt, ist die Vorgeschichte der Auseinandersetzung: Das Sicherheitspersonal war zunächst in eine drohende Auseinandersetzung eingeschritten und wurde daraufhin mit Pfefferspray angegriffen.

Doch die Macht der (selektiven) Bilder zeigt Ihren Einfluss: Rasant verbreitet sich das Video auf Facebook und anderen sozialen Netzwerken. Offensichtlich erfolgt die Rezeption dabei größtenteils wie von den Hetzern gewünscht – es kommt zu zahlreichen entsprechenden Kommentare, zum Teil stark unter der Gürtellinie, persönliche Drohungen gegen Bahnmitarbeiter inklusive.

Mann sitzt vor Bildschirm und hält sich die Augen zu.

Meinungsknigge

Frau Neubauer sieht hier in den sozialen Netzwerken eine neue (Meinungs-) Macht am Werke, die sich lärmend und tobend ausbreitet: „Die öffentliche soziale Meinung wird immer präsenter, nimmt immer mehr Fahrt auf, mischt sich ein, mischt auf und mischt unter, was nicht passt.“

Sie fordert daher eine „Meinungs-Etikette“, eine Art Verhaltenskodex im Netz, „der ernst genommen wird, den auch >>Otto Soziali<< akzeptieren kann.“ Dieser solle aufzeigen „wann Grenzen verletzt, wann Persönlichkeitsrechte bedroht werden, was diffamierend, verletzend, hetzend und polemisierend ist […] All das, was uns im täglichen Miteinander auszeichnet, sollte auch auf Facebook & Co. zum Standard werden.“

Eine schöne Vorstellung. Doch so wünschenswert diese Vision eines immerwährenden rücksichtsvollen Miteinanders bei Diskussionen im Netz auch ist: Wo keine Sanktion droht und keine extern gesetzte Grenze dem eigenen Toben eine Grenze setzt und der Einzelne zudem noch den Schutz der selbst gewählten Anonymität genießt, da wird für einige Zeitgenossen immer der Raum sein, sich wie die Axt im Walde aufzuführen – das ist in sozialen Netzwerken nicht anders als auf der Autobahn.

Der Journalist als Pädagoge

Darüber hinaus sei aber vor allem die „Kraft der Intellektuellen“ gefragt, die „richtig stellen, die einordnen, die aufzeigen“ – idealerweise sollte diese Aufgabe dann von den Vertretern der klassischen Medien, den Journalisten also, übernommen werden: „Von ihnen erwarte und erhoffe ich mir, dass sie als klassische vierte Säule im Staat ihren Auftrag entsprechend ernst nehmen und ihre Redaktionen um das soziale Wissen und Gewissen vergrößern.“

Eine naheliegende Vorstellung, verfügen Journalisten doch naturgemäß zumeist über das nötige Hintergrundwissen zur jeweiligen Thematik um die Dinge ins rechte Licht zu rücken. Denkbar und wünschenswert wäre in diesem Sinne beispielsweise ein häufigeres „Einmischen“ von Journalisten in die Leserkommentare zu den eigenen Artikeln. Im besten Falle können auf diese Weise lebendige und konstruktive Diskussionen entstehen.

Doch es gilt auch zu bedenken, dass offenkundige Manipulation und Stimmungsmache (wie im oben beschriebenen Beispiel) gerade dort auf fruchtbaren Boden fällt, wo sie das starre Weltbild ohnehin nur bestätigt. Angesichts verbohrter Weltbilder und gefestigter Vorurteile  steht zu befürchten, dass Fakten bei den entsprechenden Personen auch dann (oder vielleicht: gerade dann) keine Wirkung zeigen, wenn sie von Vertretern der Medien angeführt werden.

Die Initiative muss hier schon weitaus früher greifen – nämlich bereits im Klassenzimmer: Dringender denn je muss (nicht zuletzt) dort ein grundlegendes und tiefsitzendes Verständnis dafür vermittelt werden, dass eine zunehmend komplexer werdende Welt nicht mittels vermeintlich simpler Wahrheiten und plumpem Schwaz-Weiß-Denken erfasst werden kann.

Im Rahmen der sogenannten „Medienkompetenz“ ist der kritische, prüfende und vergleichende Umgang mit Informationen – sei es im Social Web, sei es in den klassischen Medien –  heute mehr denn je eine Kernkompetenz für den mündigen Bürger.

Die „fünfte Gewalt“ als Bereicherung der Gesellschaft

Denn es gibt auch sie: Jene, die unvoreingenommen an eine Diskussion herangehen und sich sogar einen Erkenntnisgewinn davon erhoffen, die wirklich kritischen Geister, die ihren Horizont erweitern möchten, jenseits von vermeintlich einfachen Wahrheiten und stumpfem Stammtischgegrunze.

Sie argumentieren auf Basis journalistisch erwiesener Fakten (!) und sorgen auf diese Weise dafür, dass soziale Medien wie von Frau Neubauer erwähnt zu einer „Bereicherung unseres kommunikativen Miteinanders“ werden.

Das Für und Wider einer Meinung abwägen, fragen und hinterfragen, erwiesene Tatschen vergleichen – diese basalen intellektuellen Möglichkeiten stehen auch „Otto Soziali“ offen.

Fotonachweis
Bilddatenbank: iStock
Urheber: alvarez
ID: 24086772

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