Im Schatten der großen Schlagzeilen – Klimawandel, Kriege, Energiepreise – gerät eines der wichtigsten Nachhaltigkeitsziele schnell in Vergessenheit: SDG 15 – Leben an Land. Dabei ist es ein zentrales Element in der Agenda 2030.
Ohne funktionierende Landökosysteme gibt es weder Ernährungssicherheit noch Klimaschutz oder sauberes Wasser. Und doch sind genau diese Ökosysteme weltweit unter Druck.
Laut Bundesregierung und Vereinten Nationen steht das Ziel auf der Kippe – und mit ihm fast alle anderen:
Und: Wenn SDG 15 nicht erreicht wird, geraten etwa 80 % aller anderen Nachhaltigkeitsziele in Gefahr.
SDG 15 will nicht weniger, als den Umgang mit Land grundsätzlich neu ausrichten:
Der Anspruch ist klar. Die Umsetzung bleibt in vielen Teilen der Welt aus. Dabei zeigt ein Blick in aktuelle Krisenregionen, wie eng die Themen Umwelt, Politik und Migration miteinander verwoben sind.
Ein großer Teil des Landes ist von Trockenheit und fortschreitender Desertifikation betroffen. Fehlgeleitete Landwirtschaft, Übernutzung und Wasserverschwendung haben dazu geführt, dass ganze Regionen ihre Lebensgrundlage verlieren. Menschen wandern in Städte ab – nicht aus wirtschaftlichem Interesse, sondern weil das Land keine Perspektive mehr bietet.
Die anhaltenden Kampfhandlungen betreffen nicht nur Menschen. Auch Böden, Felder und Wälder werden beschädigt oder zerstört. Olivenhaine, die über Generationen gepflegt wurden, verschwinden. Böden werden verdichtet, verseucht oder durch Kriegsgerät unbrauchbar. Was an ökologischer Substanz verloren geht, ist kaum wiederherstellbar.
Die Ausbreitung der Wüste frisst sich weiter nach Süden. Gleichzeitig steigen Konflikte um knappe Ressourcen: Wasser, Weideland, Bäume. Umweltveränderungen sind längst nicht mehr nur Nebenbedingungen von Flucht und Gewalt – sie sind oft der Ausgangspunkt. Wer Land verliert, verliert oft alles.
Der Krieg hat auch Folgen für die Landwirtschaft: Schwarzerdeböden – extrem fruchtbar und klimarelevant – werden durch Minen, Brände und Militäreinsätze zerstört. Wälder brennen, Anbauflächen fallen aus. Die ökologischen Schäden dieses Kriegs werden über Jahre nachwirken.
Die Beispiele zeigen: SDG 15 ist kein Randthema für Umweltorganisationen. Es geht um die Grundlagen gesellschaftlicher Stabilität.
Auch Pandemien stehen in engem Zusammenhang mit der Zerstörung von Lebensräumen. Die Ausbreitung von Zoonosen – also Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen überspringen – wird begünstigt, wenn Tiere ihre natürlichen Rückzugsräume verlieren. Während der Corona-Pandemie rückte dieser Zusammenhang kurzzeitig in den Fokus. Nachhaltige Konsequenzen? Kaum.
Wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, gerät die gesamte Agenda 2030 ins Wanken. Trotzdem steht das SDG 15 selten im Mittelpunkt – weder politisch noch gesellschaftlich. Dabei ist der Auftrag klar: Wälder erhalten. Böden schützen. Artenvielfalt sichern. Nicht als Selbstzweck, sondern als Grundlage für alles andere.
Es braucht nicht mehr Dringlichkeit. Die ist längst da. Es braucht mehr Konsequenz.
Auf den ersten Blick scheint das Thema „Leben an Land“ weit weg vom Arbeitsalltag eines Callcenters. Keine landwirtschaftlichen Flächen, keine Lieferketten mit Tropenholz, kein CO₂-intensiver Maschinenpark. Und doch: Auch wir als Dienstleister verbrauchen Ressourcen, gestalten Räume, treffen Entscheidungen – und können Einfluss nehmen.
SDG 15 zielt darauf, Landökosysteme zu schützen und wiederherzustellen, Wälder nachhaltig zu nutzen, Bodendegradation zu stoppen und Biodiversität zu erhalten. Was können wir dazu beitragen? Hier ein paar konkrete Ansätze – aus der Praxis, nicht vom Reißbrett.
Unsere Standorte liegen meist in urbanen Räumen. Die Außenflächen – seien es Höfe, Eingangsbereiche, Dächer – sind oft versiegelt oder wenig gestaltet. Dabei liegt genau hier Potenzial. In einem unserer Standorte haben wir mit einem lokalen Verein eine begrünte Pausenfläche angelegt: Wildblumen, Hochbeete, kleine Insektenhotels. Nicht spektakulär – aber wirkungsvoll. Auch ein bepflanzter Innenhof macht einen Unterschied. Für Mitarbeitende. Und für die Biodiversität.
Papier, Strom, Büromaterial: Auch im Callcenter-Alltag entsteht ökologischer Fußabdruck. Wir haben in den letzten Jahren konsequent digitalisiert – nicht nur bei der Kundenkommunikation, sondern auch intern. Statt gedruckter Unterlagen gibt es digitale Schulungen, statt Papierformularen automatisierte Workflows. Und wenn gedruckt werden muss, dann auf zertifiziertem Recyclingpapier – zentral verwaltet, sparsam eingesetzt. Das spart Ressourcen – und signalisiert, dass auch kleine Stellschrauben zählen.
Viele Mitarbeitende leben in dicht bebauten Wohngebieten. Das Wissen um ökologische Zusammenhänge fehlt oft – nicht aus Desinteresse, sondern weil das Thema abstrakt erscheint. Deshalb holen wir SDG 15 in den Alltag: über kleine Aktionen, Infokarten in der Kantine, Wildblumensamen zum Mitnehmen oder eine Baumpflanzaktion im Rahmen eines Teamtags. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Bewusstsein.
Als Unternehmen sind wir Teil eines Umfelds. Deshalb kooperieren wir mit lokalen Initiativen – etwa mit einer Umwelt-AG aus der Nachbarschaft, die sich für naturnahe Stadtbegrünung einsetzt. Gemeinsam lassen sich Projekte umsetzen, die für ein einzelnes Unternehmen zu aufwändig wären – zum Beispiel die Entsiegelung eines alten Stellplatzes oder die Pflege von Gemeinschaftsflächen.
Ob Gebäudereinigung, Catering oder Büroausstattung – viele Entscheidungen im Facility Management beeinflussen indirekt die Umwelt. Wir haben begonnen, bei Dienstleisterverträgen ökologische Kriterien einzubeziehen. Nicht als Ausschlusskriterium, aber als Kriterium. Und wir fragen uns: Welche Produkte brauchen wir wirklich? Wo gibt es Alternativen?
Als Callcenter retten wir keine Regenwälder. Aber wir gestalten Räume – physisch, digital, sozial. Und wir können zeigen, dass Verantwortung nicht nur bei Industrie und Landwirtschaft liegt. Sondern überall dort, wo gearbeitet, geplant und entschieden wird.
SDG 15 betrifft uns alle. Auch im Büro. Auch im urbanen Raum. Auch ohne Acker.
Wälder retten, Böden schützen, Artenvielfalt bewahren – das klingt nach großen Aufgaben für Regierungen, NGOs oder globale Unternehmen. Aber was hat das mit dem eigenen Alltag zu tun? Mehr, als man denkt.
SDG 15 – Leben an Land betrifft uns alle. Denn viele der Ursachen für Artensterben, Bodendegradation und Entwaldung sind eng mit unserem Lebensstil verknüpft: mit dem, was wir essen, kaufen, wegwerfen – und mit dem, was wir eben nicht hinterfragen.
Hier ein paar konkrete Möglichkeiten, wie jede:r Einzelne – ganz ohne großen Aufwand – etwas beitragen kann.
SDG 15 braucht große politische Anstrengungen. Aber ohne gesellschaftliche Rückendeckung bleibt es Theorie. Wer in seinem eigenen Alltag Verantwortung übernimmt, macht aus einem abstrakten Ziel ein konkretes Anliegen.
Nicht perfekt sein. Aber bewusst.
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